Calais Update – „Jungle no finish!“

Was wir und all die vielen Menschen, die vor Ort helfen, letzten Herbst prophezeit haben, wird nun Realität. Ein Camp platt zu machen, lässt weder Menschen verschwinden, noch löst es die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Wir legen euch den aktuellen Artikel von der französischen Le Monde (Original) bzw. des englischen Guardian (offizielle englische Übersetzung) sehr ans Herz und haben ihn für euch zusätzlich ins Deutsche übersetzt:

Monate nach der Räumung des Camps, beginnen sich in Calais wieder Refugees zu sammeln
Die Zahl der Flüchtlinge in und um Calais beginnt wieder zu steigen, fünf Monate nach dem Abriss des Camps. Helfer*innen vor Ort berichten von mehreren hundert Neuankömmlingen in den letzten Wochen, etwa die Hälfte davon sind unbegleitete Minderjährige.

„Eritreer und Sudanesen sind überall an der Strandpromenade und es gibt kein Aufnahme-Zentrum“, sagte Amin Trouvé-Baghdouche von Doctors of the World. „Sie wandern herum, verlassen vom Staat. Die Hälfte von ihnen sind Jugendliche von etwa 15-17 Jahren, ohne ihre Familien. „Helfer*innen sagen, dass Gruppen von Refugees kleine Lager im Wald aufgebaut haben. „Afghanen haben gut verborgene Camps errichtet, wo sie schlafen“, sagte ein*e Helfer*in und fügt hinzu, dass die Afrikaner, von denen die meisten sehr jung sind, für ein paar Stunden im Dickicht versteckt geschlafen haben, bevor sie von der Polizei vertrieben wurden. Der einzige Zuflucht-Ort während des Tages sind die Räumlichkeiten der Secours Catholique, wo sie zwischen 9 und 17 Uhr hingehen können.

Die Helfer*innen schätzen die Gesamtzahl der Flüchtlinge auf zwischen 400 und 500. Ihre Rückkehr wirft Fragen über die französischen Bemühungen auf, effektiv mit dem „Problem der Refugees und Migranten“ [Formulierung im Original, Anführungszeichen hinzugefügt] in Calais umzugehen, auf. Viele haben das Ziel zu versuchen, auf Lastwagen nach Großbritannien zu gelangen. Zum Zeitpunkt der Räumung des Lagers im November 2016 lebten dort 10.000 Menschen.

„Es fühlt sich an, als ob wir drei Jahre bis April 2014 zurückgegangen sind, als es in Calais 300 oder 400 Migranten gab“, sagte Gilles Debove, ein lokaler Polizeibeamter. „Es wurden wieder Patrouillen aufgenommen, es wird Essen verteilt, es gibt Befragungen von Minderjährigen und es werden Unterkünfte gesucht, aber es hilft nichts.“
Er sagt, dass es nachts um 2 Uhr noch immer Minderjährige entlang der Ringstraße zum Hafen gibt und die Aufgabe sei wie ein Fass ohne Boden.
Jean-Marc Puissesseau, Chef der Hafenbehörde, stimmte zu, dass es sich anfühlte, als seien die Uhren ein paar Jahre zurückgedreht worden, und sagte, die Behörden müssten die Situation genau beobachten und eine Eskalation verhindern. Regierungspräsident Fabien Sudry hat gefordert, dass es „keine permanente Ansiedlungen, keine Besetzungen, keinen neuen Dschungel“ geben sollte und hob hervor, dass 500 Einsatzkräfte im Einsatz seien.

Das große Migrant*innen-Lager in Calais wurde im vergangenen November geräumt und Tausende von Menschen wurden in Aufnahmezentren in ganz Frankreich verlegt. Die örtlichen Behörden in Calais haben darauf bestanden, dass kein neues Lager entstehen darf. An einem Punkt versuchte die Bürgermeisterin Natacha Bouchart sogar, die Nahrungsmittelverteilung [durch Helfer*innen] zu verbieten, aber das Landgericht in Lille schlug die Maßnahme ab.

„Es ist ein Grund zu feiern, dass die Behörden erlaubt haben, Essen an die obdachlosen Minderjährigen zu verteilen“, sagte Vincent Coninck, der Secours Catholique, einer Gruppe freiwilliger Helfer*innen. „Es ist wie damals zu der Zeit nach Sangatte (ein früheres [offizielles] Flüchtlingslager, das 2002 geschlossen wurde) nur mit mehr Polizei-Repression.“
„Meinungsmacher*innen werden zu Mitläufer*innen und haben vor der Front National [rechtsradikale Partei von Marine Le Pen] kapituliert und wagen es nicht mehr, Zeichen zu setzen“, sagte er und fügte hinzu, dass die gesamte Asylkultur zur selben Zeit wie das „Dschungel“-Camp nierdergerissen worden sei.

Frankreichs Menschenrechte-Ombudsmann, Jacques Toubon, hat vor kurzem verkündet, dass die Unterstützung für Migrant*innen auf ein Niveau gefallen ist, welches schon Jahrzehnte nicht mehr gesehen wurden. Er verurteilte die Behörden dafür, dass „nicht nur nicht genügend Ressourcen für die grundlegende Menschenwürde bereitsgestellt wurden, sondern auch der Zivilgesellschaft verboten wurde, diese Unzulänglichkeiten auszugleichen“.

Frédéric Van Gansbeke, Präsident des Handelsverbandes von Calais, schimpfte über das Versagen, sich auf „das kleinste Übel“ zu einigen – die Einrichtung eines ordentlichen Lagers im Einklang mit den UN-Standards in der Region Calais.

„Die Bewohner*innen von Calais haben nicht die Geduld, die sie vor zwei Jahren hatten“, sagte er und fügte hinzu, dass die Emotionen stärker hochkochten als in der Vergangenheit. „Keiner der Kandidat*innen in der Präsidentschaftswahl dieses Monats steht für die Migrationsfrage ein.“
Politik kann in Calais tatsächlich eine Rolle spielen. Im Jahr 2015 gewann die Front National fast 50% der Stimmen bei Regionalwahlen. Die Kandidatin Marine Le Pen ist derzeit Kopf an Kopf mit ihrem Rivalen Emmanuel Macron, um die erste Runde der Präsidentschaftswahl am 23. April zu gewinnen.

Original: https://www.theguardian.com/world/2017/apr/02/refugees-gather-calais-camp-unaccompanied-children