Die Flüchtlingskrise in Calais: Vergessen, aber nicht vorbei

Es ist ungefähr fünf Monate her seit meinem letzten Besuch in Calais als Freiwilliger im Warehouse und im Camp. Hunderte von Freiwilligen im September 2016 waren dort, um die großzügigen Spenden zu sortieren, die zur Unterstützung der Refugees nach Calais geschickt worden waren. Die Stimmung im Camp war angespannt, die Refugees waren sich der anstehenden Räumung ihrer Gemeinschaft und ihres temporären Zuhauses sehr bewusst. Nur eine Woche später wurde es abgerissen; seine Bewohner*innen evakuiert. Unsere Fernseher brachten uns die Bilder ins heimische Wohnzimmer. Fünf Monate später und niemand redet mehr von Calais. Man kann es niemandem verübeln, der denkt, dass die Flüchtlingskrise für Großbritannien nicht mehr relevant ist – dass die nächsten Refugees in Italien und Griechenland sind. Dies könnte nicht weiter von der realen Situation abweichen – eine beträchtliche Anzahl von Refugees sind in Calais und Paris, und sind mit Bedingungen konfrontiert, die Sehnsucht nach dem „Dschungel“ wecken.

Gemeinsam mit einer Gruppe von 15 Freiwilligen von JCORE aus London kamen wir um die Mittagszeit im Care4Calais-Lager an, wo wir von einer kleinen Zahl von Freiwilligen begrüßt wurden – deutlich kleiner im Vergleich zur letzten Reise im September. Wir wurden über die Flüchtlingslage in Nordfrankreich informiert – wo fast 4.000 Refugees wohnen, die entweder in Lagern wie Dünkirchen oder auf den Straßen und in Parks leben. Die ganze Situation wird durch die französischen Behörden verschärft, die auf Inhaftierungen und Abschiebungen setzen, um mehr Refugees davon abzuhalten, zu kommen. Es ist unnötig zu sagen, dass dies nicht funktioniert.

Meine Aufgabe für den Tag war, mit einigen anderen Freiwilligen auf „Patrouille“ zu gehen. Uns wurde gesagt, dass immer mehr Refugees in Calais ankommen, weil die Lager in Belgien geschlossen sind und dass die Polizei in Calais versuchen würde, sie in Gewahrsam zu nehmen. Wir trugen Taschen mit Wasser, warmer Kleidung, SIM-Karten und anderen nützlichen Dingen wie Rucksäcken, als wir am Bahnhof, den Bushaltestellen und den Parks nach Refugees Ausschau hielten, die an diesem Nachmittag ankamen.

Es dauerte nicht lange, bis wir Refugees fanden, verschiedene Gruppen, die getrennt unterwegs waren. Die beiden Jungen mit denen ich sprach, waren aus dem Irak und sprachen kurdisch und brachten mir die Worte „Hallo“ und „Wie geht es dir“ bei. Sie erzählten mir, wie sehr sie Fußball lieben (Real Madrid war ihr Lieblingsteam) und wie lange sie in Frankreich waren (4 Monate). Sie haben dankbar Kekse Wasser, Handschuhe und einen Rucksack genommen.

Während des ganzen Tages hörte ich viele Geschichten von Menschen, die versuchen, LKWs zu besteigen [um auf ihnen nach Großbritannien zu gelangen]. Ein 24-jähriger sudanesischer Mann, mit einem riesigen Lächeln und vier Größen zu kleinen Schuhen und sein eritreischer Begleiter erzählten mir davon, wie sie vor nur 11 Stunden versucht hatten einen LKW zu besteigen. Sie waren begeistert davon, dass meine Begleiterin Lucy aus Manchester war: „Manchester United ist das Beste! Zlatan!“ sagten sie. Aber als sie an der Bushaltestelle warteten (ich glaube, sie machten da damit die Polizei aufhört, den Bahnhof zu beobachten, damit sie auf einen Zug springen können), wurden sie ruhiger und ein bisschen reflektierender. Der 24-Jährige sagte mir, er sei seit einem Jahr und vier Monaten in Frankreich und glaube nicht, dass er es jemals nach England schaffen würde. Aber er hofft, dass die französischen Behörden es nach der französischen Präsidentschaftswahl erlauben, dass wieder ein Lager errichtet wird und er erzählt mir, dass das zumindest besser sei als die jetzige Situation. Er übersetzt nun via Google Translate aus dem Arabischen.

Im Laufe des Tages sprach ich mit rund zwanzig Refugees, jeder hatte eine einzigartige Geschichte, interessant und schrecklich in gleichem Maße. Das gemeinsame Thema war, dass viele sich sehr allein fühlten – vor allem vernachlässigt von den Franzosen. Dennoch waren alle dankbar für Lebensmittel, die anderen Spenden und dass sie jemanden zum Reden hatten – zu wissen, dass zumindest einige Leute sich für sie interessieren.

Der wesentliche Punkt für mich ist, dass die Leute Calais vergessen haben, dass sie die Menschen vergessen haben, die mit enormen Risiken konfrontiert sind. Den Menschen fällt es schwer emphatisch zu sein, weil sie auf Informationen von den Medien und Behörden angewiesen sind und nicht in direktem Kontakt stehen. Die Leute haben nicht ihre schönen, warmen Zuhause verlassen, nur mit einer kleinen Tasche und vielleicht einigen Dokumenten, um vor Waffen, Kriegen und Bomben zu entkommen, sind nicht von Sudan oder Eritrea nach Libyen gereist – durch Libyen – die Hitze, das Terrain und all das, um irgendwie nach Italien zu kommen – vermutlich wegen mangelnder legaler Wege geschmuggelt zu werden. Sie können sich nicht vorstellen, wo sie schlafen würden oder wie sie ohne die Sprache durch ein Land navigieren würden, ohne Geld, das ihnen ermöglicht in Sicherheit und Würde zu leben. Es geht darum, das Menschliche zu sehen und dafür zu kämpfen, dass sich die Haltung ändert und die Menschen realisieren, dass es darum geht anderen ganz normalen Menschen zu helfen, die nur in dieser Situation sind, weil sie am falschen Ort geboren wurden.

Deshalb müssen mehr Leute nach Calais gehen und die Situation erleben – und müssen sich bei Organisationen wie Care4Calais engagieren, die so unglaubliche Arbeit machen. Weil die Räumung des „Dschungels“ nicht das Ende der Situation in Calais darstellt, sondern ein weiteres gefährliches Stadium im Leben der Refugees, die entschlossen sind, zu überleben und sich ein Leben aufzubauen. Wir wären naiv zu Denken, dass das Ende des „Dschungels“ bedeutete, dass das Problem gelöst sei. Denn das ist es nicht. Die jetzige Situation ist schlimmer als zuvor und wird sich, wenn wir weiter wegschauen, weiterhin verschlechtern für diejenigen, die bereits durch die Hölle gegangen sind.“

Original: http://www.huffingtonpost.co.uk/adam-isaacs/the-refugee-crisis-in-cal_b_15760296.html

Infos zur aktuellen Situation vor Ort gibt’s ab Freitag auch in unserer Ausstellung: Welcome to Europe – Welcome to Reality.