Gedanken aus Calais

Ein Text von unserem Kumpel Lucca, der von Anfang Oktober bis Anfang Dezember in Calais war. Am 21.12. kommt er nach Köln und berichtet von der Situation vor Ort. Alles weitere hier.

Es ist 17 Uhr. Ich steige zurück in den Van, die Hände rot und steif. Die graue Hose klebt kalt an meinen Beinen. Die Dokumente in meinen Hosentaschen sind nur noch ein feuchtes Knäuel aus Papier. Das Wasser, dass aus meinen Sneaker tropft erzeugt kleine Pfützen unter den Pedalen. Die Scheibenwischer können auch auf höchster Stufe nicht wirklich für klare Sicht sorgen. Heizung auf volle Pulle und los geht’s. Scheiße, Tank fast leer. Also ab zur nächsten Tanke und wieder raus in die den Regen, den Wind, die Kälte.
Es ist bald Weihnachten, Zeit sich mit den Liebsten zuhause auf die warme Couch zu kuscheln. Oder wenigstens `nen warmen Glühwein trinken. Was mache ich also hier? Hier, im Norden Frankreichs, 700 km weg von zuhause, bei dem Wetter? Es regnet, hagelt, stürmt. Die Temperaturen sind mittlerweile auch tagsüber einstellig. Wenn der Regen unbarmherzig auf einen niederprasselt, der Wind einem um die Ohren peitscht fühlt es sich an, als wären wir langsam am Gefrierpunkt angekommen.
Mittlerweile bläst die Heizung warme Luft in die Fahrerkabine und wir tauen alle auf. Der Weg von Dunkirk zurück nach Calais dauert circa eine halbe Stunde, genug um sich etwas aufzuwärmen bevor‘s wieder rausgeht in die Kälte. Ein Luxus, den hier nicht alle haben. Die letzten zwei Stunden haben wir warme Mahlzeiten an Menschen verteilt, die sonst keine bekommen hätten. Menschen, die jetzt immer noch draußen sind im Regen, im Wind, in der Kälte. Sie alle eint eins: Der Traum heute Nacht auf einen LKW zu klettern, der sie nach England bringt. Heute Nacht hat er Glück rief mir Ahmad zu, als ich gerade in den Van einstieg. Heute Nacht – Inshallah („So Gott will“ arab. für hoffentlich). Auch das miese Wetter kann viele Menschen hier nicht brechen. Sagen sie zumindest. Wahrscheinlich sind die meisten gar nicht so tough wie sie tun, sie wollen es nur nicht zugeben. Calais im Winter, das bricht jeden irgendwann, doch für viele ist Aufgeben keine Option. Sie wollen es unbedingt nach England schaffen. England, dem Ziel ihrer Träume. England, wo alles besser ist – Inshallah.
Seit mehr als zwei Monaten bin ich hier und koche in der Refugee Community Kitchen (RCK). Wir kochen und verteilen jeden Tag circa 2750 Mahlzeiten. Seit zwei Jahren fahren wir raus, bei Wind und Wetter, weil wir für viele Menschen die einzige Möglichkeit sind warmes, gekochtes Essen zu bekommen. Seit zwei Jahren. Jeden Tag.
Mittlerweile bin ich „zuhause“ in meinem Wohnwagen angekommen und kann mich ins warme Bett kuscheln, die Heizung aufdrehen und meinen warmen Tee genießen. Doch wenn der Regen erbarmungslos gegen die Fenster prasselt kann man nur schwer die Menschen vergessen, die ein paar Kilometer entfernt im Regen stehen. Da ist B. ein großgewachsener siebzehnjähriger aus Eritrea. Ein Freund nannte ihn mal „Posterboy for Child-Reunification“ (Ein Programm, das Minderjährige mit Familienangehörigen in England ohne Umwege sicher nach England holt.) – seine Mutter ist aus Eritrea und sein Vater ist Brite und lebt in England. Er hätte also nicht nur Anspruch auf Asyl, sondern sogar auf einen britischen Pass. Für das Child-Reunification Programm hat ihn das britische Homeoffice trotzdem nicht genommen. Gestern kam er, der sonst für Hilfe zu cool ist, zu uns. Es war das erste Mal, dass ich ihn ohne das für ihn so typische breite Grinsen gesehen hab. Sein kleiner Finger ist so steif gefroren, dass er ihn nicht mehr bewegen kann. Und er ist nicht allein.
Vor ein paar Tagen kam jemand ans Tor zum Warehouse, nicht unüblich, meist geben wir ihnen Wasser oder sie können sich von irgendwem ‘ne Kippe schnorren. Doch nach einigem Sprachwirrwarr war klar, dass es hier nicht mit Wasser und ‘ner Kippe getan war. Er hatte Grabenfuß. Eine Krankheit bei der der Fuß anfängt zu faulen, weil er nie wirklich trocken wird. Bekannt und gefürchtet wurde sie in den Schützengräben des ersten Weltkriegs, aber nicht im reichen Europa im Jahr 2017. Wir haben ihn direkt ins Krankenhaus gefahren. Wenn er Glück hat kann er dort ein paar Tage bleiben und sich erholen. Und muss dann wieder raus in den Regen, den Wind, die Kälte.
Jetzt fängt die schlimmste Zeit des Jahres an. Wind und Wetter bleiben die Gleichen, es wird nur noch kälter. Für Ende dieser Woche ist Schnee vorausgesagt. Doch wir fahren morgen wieder raus. Was sollen wir auch machen? In der Küche ist mittlerweile so kalt, dass man seinen eigenen Atem sehen kann. Das Wasser zum Kartoffeln waschen fühlt sich nach spätestens einer Viertelstunde an, als würde man seine Hände in Eiswasser tauchen, aber was beschwere ich mich? Eimer ausleeren, neues Wasser rein und weiter geht’s. Mit zwei T-Shirt, zwei Pullis, ner warmen Mütze, mindestens zwei Paar Socken und ab und zu nem warmen Tee lässt sich das ertragen. Irgendwann lernt man die Gedanken, an die Menschen, die da draußen sitzen zu verdrängen. Und vielleicht müssen sie ja bald nicht mehr draußen sitzen, sondern können sich wenigstens in Zelte oder kleine Hütten zurückziehen. Irgendwann, wird die Polizei vielleicht aufhören alles was auch nur im entferntesten Schutz bietet zu zerstören. Irgendwann zeigt Europa ein Herz und lässt Menschen nicht in der Kälte verrecken. Irgendwann – Inshallah.

P.S.: Diesen Text habe ich Ende November geschrieben. Mittlerweile sind die Temperaturen weiter gefallen und es hat schon mehrere Male geschneit. Aufgrund des Wetters konnten die Hilfsorganisationen die Behörden in Calais davon überzeugen Wohncontainer, die an zwei Orten in Calais bereitstehen, für die Menschen zu öffnen. Die Behörden gehen jedoch offiziell von 450 statt der 1000 – 1200 Menschen aus. Die Zahl der Menschen hat sich zwar tatsächlich aufgrund des schlechten Wetter verringert, dass sie sich mehr als halbiert hat ist jedoch sehr zweifelhaft.

Für die Fotos danken wir Futuro Berg.