Heute im Camp in Dünkirchen

Free Shop. Also eine Art Kiosk eingerichtet in einem Schiffscontainer, der an ein Community Center angrenzt, das aber mehr oder weniger Schlafsaal und Küche zugleich ist für diejenigen, die keinen Platz in einem der Holzverschläge im Camp finden konnten. Der Free Shop hat täglich geöffnet und alle Bewohner*innen können entsprechend der Bewohner*innen-Anzahl in ihren Hütten, Nahrungsmittel bekommen und müssen dafür nichts bezahlen. Es gibt Reis, Kidneybohnen, Tomaten aus der Dose, Zwiebeln, Kartoffeln, Salz, Tee, Milch…

Unser erster Kunde ist ein kleiner Junge. Vielleicht acht Jahre alt. Ein freundliches Kind. Er spricht erstaunlich gut Englisch, ist total höflich, wartet geduldig, macht mit uns Scherze. Als er die große Tüte mit seinen Einkäufen mit beiden Armen umfasst und losgeht in Richtung seiner Unterkunft, schaue ich auf seine Füße. Zwei kleine nackte Füße stecken in Flipflops mit blauen Glitzer-Riemen.

Später unterhalte ich mich mit einem jungen Afghanen, der besseres und britischeres Englisch spricht als ich. Er ist 2005 zu Fuß nach Europa aufgebrochen. In Italien wurden seine Fingerabdrücke aufgenommen. Er müsste also dort Asyl beantragen, ein Dublin-Fall. Aber er hat es schon zweimal nach England geschafft und ist nach einigen Jahren wieder nach Italien deportiert worden. Nun will er es zum dritten Mal versuchen. Jeden Abend macht er einen „Try“. Inshallah wird es heute klappen. Von diesen „Trys“ hören wir heute eh so viel. Alle möchten noch einen zusätzlichen Apfel oder eine Dose Fisch haben. Denn vor einem „Try“ muss man gut essen und danach ist man hungrig.

Als der Andrang am Freeshop nachlässt, kann ich aus unserem Verkaufsfenster in das Community Center gucken. Es gibt Bänke und Tische und in der Mitte einen runden Feuerofen zum Heizen aus dem oben ein Rohr herausführt. Überall liegen vollkommen in Schlafsäcke eingemummelt junge Männer, die schlafen. Nachts sind sie unterwegs und einen anderen Ort zum Ausruhen haben sie nicht. Kichererbsen und Mais waren heute schnell vergriffen und jetzt sehe ich, warum sie so beliebt sind. Die Männer öffnen die Dosen und streuen ein wenig Salz und Chillipulver hinein. So stellen sie die Dosen auf den Ofen, er ist komplett bedeckt mit Dosen, und wenn der Inhalt halbwegs warm ist, dann ist die Mahlzeit fertig.

Auf der Rückfahrt von Dünnkirchen nach Calais sehen wir überall kleine Gruppen von Menschen, die in dicke Jacken gehüllt sind und Plastiktüten tragen. Neben der Straße, an Autobahnauffahrten. Sie laufen in Richtung Calais, in Richtung alter Dschungel, in Richtung Hafen. Unsere Gastgeberin Silvie sagt, dass man sehen kann, wie seit der Räumung wieder mehr und mehr Flüchtende in und um Calais unterwegs sind.

Europa 2017. Es bestürzt mich.